Leseprobe: Kit Carson – Ein amerikanischer Held

Sand Creek

Am 29. November 1864 fiel die 3. Colorado Freiwilligen-Kavallerie unter Führung von Colonel John Chivington am Sand Creek über ein Lager von Cheyenne-Indianern unter Häuptling Black Kettle her. Diese Cheyenne waren friedlich, hatten sich unter den Schutz der Armee begeben und zum Zeichen ihrer Friedfertigkeit die amerikanische Flagge gehißt. Gleichwohl ließ Chivington das Lager auf bestialische Weise niedermetzeln.

Danach ließ er sich in Denver als Held feiern, bis einige verantwortungsvolle Offiziere, die sich geweigert hatten, das Massaker zu unterstützen, die Tatsachen an die Öffentlichkeit brachten. Das amerikanische Militär und das Parlament leiteten eine Untersuchung ein, die zu dem Ergebnis kam, dass es sich um einen Akt der Barbarei gehandelt habe, der durch nichts zu rechtfertigen gewesen war.

Kit Carson, zu dieser Zeit Colonel der 1. New Mexico Freiwilligen, war der prominenteste Sprecher, der gegenüber dem Vorsitzenden der Untersuchungskommission des Senats eine Stellungnahme abgab und sich in einem Gespräch mit einem Vertreter der Armeeführung äußerte:

„Wenn ich an diesen Hundsfot Chivington und seine Meute bei Sand Creek denke! Wann hat man jemals davon gehört, dass Christenmenschen so etwas tun können. Die armen Indianer hatten unsere Flagge gehisst, die alten Stars und Stripes, die wir alle lieben und ehren. Und man hatte ihnen in Denver gesagt, dass sie sich sicher fühlen können, solange diese Flagge über ihnen weht. Well, und dann kommt dieser verfluchte Chivington mit seinen Kerlen. Sie waren ausgezogen, um kriegerische Indianer zu jagen und konnten keine finden – und wenn sie welche gefunden hätten, wären sie vor ihnen davongelaufen, darauf können Sie wetten! Also stürmten sie in dieses freundliche Lager und massakrierten alle! Jawohl, Sir, buchstäblich m-a-s-s-a-k-r-i-e-r-t! Kaltblütig! Trotz unserer Flagge über ihnen. Sogar Frauen und kleine Kinder! Warum? Senator Foster hat mir persönlich erzählt – er und sein Komitee haben die Sache untersucht, wie Sie wissen –, dass dieser verdammte Schurke und seine Männer Frauen niedergeschossen und das Gehirn aus unschuldigen kleinen Kindern herausgeschlagen haben. Sie haben sogar Babies in den Armen ihrer toten Mütter mit Revolvern erschossen und Schlimmeres getan! Und sie nennen sich ‚zivilisierte’ Menschen, Christen – und die Indianer sind ‚Wilde’?“

Kit Carson, September 1866 in Fort Garland zu Brigadegeneral James F. Rusling (Across America, 1874: 135)


Kindheit und Jugend

„Ich wurde am 24. Dezember 1809 im Madison County, Kentucky, geboren. Meine Eltern zogen nach Missouri, als ich ein Jahr alt war, und ließen sich in einer Gegend nieder, die heute das Howard County bildet.“

Mit diesen Sätzen beginnt die Autobiografie eines der bemerkenswertesten Männer der amerikanischen Pioniergeschichte. Er diktierte seine Erinnerungen; denn bis ins reife Mannesalter war er Analphabet, und später blieben seine Fähigkeiten zu Lesen und zu Schreiben allenfalls marginal. Darunter litt er, vor allem, als er zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit geriet. Gleichwohl wurde an seinem Scharfsinn, seiner Intelligenz und seiner Menschenführung niemals gezweifelt.

Kit Carson war in jeder Beziehung ein Mann mit erstaunlichen Begabungen. Ganz gleich, wohin er kam, welche Aufgabe ihm übertragen wurde – er versuchte immer, an seine Grenzen zu gehen.

Sein Vater war Lindsay Carson, der vermutlich 1755 in Schottland geboren worden war und in North Carolina aufwuchs. Er hatte während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges in George Washingtons Continental Army gekämpft und 1793 seine erste Frau verloren. 1797 hatte er Rebecca Robinson geheiratet. Das Paar hatte 15 Kinder; Christopher Houston war das Elfte (Hutton, 3). In jenen Regionen und zu dieser Zeit bedeuteten viele Kinder Reichtum, weil sie ihren Beitrag zur Ernährung der Familie leisteten, sowie sie laufen und ihre Hände gebrauchen konnten. Farmen wurden von Familien bewirtschaftet; fremde Arbeitskräfte kosteten Geld, das ein Kolonist in der Regel nicht hatte.

Das Leben an der Wildnisgrenze war hart und gefährlich. In den Jahren um 1800 hatten die Vereinigten Staaten von Amerika gerade einmal 5 Millionen Einwohner, die sich im Wesentlichen auf einen Landstreifen von rund 50 km Breite am Atlantik konzentrierten. Westlich davon begannen tiefe Wälder und unwegsame Gebirge.

Der legendäre Daniel Boone gehörte zu den Ersten, die Wege in diese Wildnis bahnten, Ländereien vermaßen und Kolonisten überredeten, ihm zu folgen, um Siedlungen zu gründen und damit die „Frontier“, diesen in der amerikanischen Geschichte fast mystischen Begriff der „Grenze“ zwischen Zivilisation und Wildnis, nach Westen rückten.

Die Carsons hatten sich um 1811 im sogenannten „Franklin Township“ im heutigen Missouri in der Nähe von Boone’s Lick auf Land niedergelassen, das die Söhne Daniel Boones von der spanischen Regierung erworben hatten. Die Familien Carson und Boone waren gut miteinander bekannt. Kits ältester Bruder, William, heiratete Millie Boone, eine Großnichte des legendären Daniel.

In diesen westlichen Kolonien waren Indianerüberfälle noch immer an der Tagesordnung. Die Farmer bildeten daher Schutzgemeinschaften, die in der Nähe ihrer Felder kleine Palisadenfestungen errichteten, in die sie sich notfalls in Sicherheit bringen konnten. Sie lebten und arbeiteten „fortred“ (befestigt), wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß – ein heute fast vollständig aus der amerikanischen Sprache verschwundener Begriff. Die Palisade nahe der Carsons hieß „Fort Hempstead“, und alle männlichen Mitglieder einer Kolonistenfamilie wurden als Wachtposten oder Milizmänner gelistet, sowie sie imstande waren, ein Gewehr zu halten.

1818 verlor der gerade neunjährige Christopher seinen Vater. Allerdings nicht durch einen Indianerüberfall: Lindsay Carson wurde beim Holzfällen von einem herabstürzenden Ast erschlagen. Rebecca musste mit ihren Kindern die kleine Wildnisfarm allein weiter bewirtschaften. Erstaunlicherweise dauerte es vier Jahre, bis sie ihren zweiten Mann, Joseph Martin, heiratete, der ebenfalls Witwer war und mehrere Kinder mit in die Ehe brachte. Normalerweise ließen sich Kolonisten – ob Männer oder Frauen – nicht so viel Zeit, einen neuen Partner zu finden. Das Leben in den Wäldern westlich der Zivilisationsgrenze forderte seinen Preis. Für romantische Gefühle war wenig Platz. Pragmatismus verlangte eine intakte Familie, um überleben zu können. Fiel ein Partner aus, zumal als Familienoberhaupt, musste er schnell ersetzt werden, um die Existenz zu sichern.

Christopher „Kit“ wurde frühzeitig mit den Anforderungen einer Wildnisfarm konfrontiert. Sowie er laufen konnte, musste er mit aufs Feld. Er musste Unkraut jäten, Saat ausbringen, bei der Ernte helfen, Holz sammeln und seinen Eltern und Geschwistern bei jeder Tätigkeit zur Hand gehen. Früh lernte er auch ein Gewehr zu gebrauchen, um bei der Jagd auf Kleinwild den Speisezettel der Familie zu bereichern. Er war allerdings, wie Zeitzeugen später gelegentlich berichteten, etwas aus der Art geschlagen, war wild und ungebärdig, passte sich nicht an, wie seine Geschwister, hatte schon als Kind seinen eigenen Kopf und bereitete seiner Mutter nicht unbeträchtliche Sorgen. Er haßte die Farmarbeit, und mit seinem Stiefvater verstand er sich überhaupt nicht, sodass die Mutter ihn mit 15 Jahren aus dem Haus in eine Sattlerlehre gab. Aber auch dieses Handwerk gefiel ihm nicht. Kit behagten die Aussichten auf ein bescheidenes, eingeengtes Leben in der kleinen Missouri-Siedlung nicht im geringsten. In seiner Autobiographie bemerkte er: „David Workmann [sein Lehrherr] … war ein guter Mann, und ich erinnere mich oft an seine Freundlichkeit, die er mir zuteil werden ließ. Aber der Gedanke, bei ihm zu bleiben, meine Lehrjahre abzudienen und mein Leben mit dieser Arbeit zu vertun, schmeckte mir nicht. Ich sehnte mich danach, auf Reisen zu gehen, um das Land kennenzulernen, also beschloß ich, mich der ersten Gruppe anzuschließen, die zu den Rocky Mountains zog.“ (Carson, 4-5)

Die Chancen dafür waren gut; denn der Santa Fe Trail verlief an der Gemeinde vorbei, eine 800 Meilen lange Handelsroute, die vom Missouri bis ins mexikanische Santa Fe führte. 1821 war William Becknell, ein fast bankrotter Geschäftsmann aus Missouri, mit dem ersten Warentransport nach New Mexico gezogen. Er hatte damit Kopf und Kragen riskiert und alles auf eine Karte gesetzt. Innerhalb weniger Jahre hatte er nicht nur seine Schulden bezahlt, sondern war zum wohlhabenden Mann geworden. Damit hatte er die erfolgreichste Handelsroute der amerikanischen Pionierzeit eröffnet. Ab 1822 rollten Jahr um Jahr wachsende Frachtwagenkarawanen durch die Ebenen von Kansas und transportierten begehrte Waren in die nördlichste mexikanische Provinz.

Im August 1826 lief Kit aus einer Lehre fort und schloß sich einem Händlertreck an. Was und wohin er genau wollte, wußte er vermutlich selbst nicht. Er wußte nur, dass er nicht in Franklin bleiben wollte. Dafür war ihm jedes Mittel recht. Er verdingte sich als Handlanger bei dem Wagentreck, verdiente damit sein tägliches Essen und ein kleines Taschengeld.

Er war knapp 17, und das große Abenteuer hatte für ihn begonnen. Wenige Tage später erschien in der Zeitung von Franklin diese Mitteilung:

„Hiermit wird allen, die dies lesen, mitgeteilt, dass Christopher Carson, ein Junge von etwa vierzehn Jahren [sic], klein für sein Alter, aber stämmig, helles Haar, am oder um den 1. September aus dem Haus des Unterzeichneten fortgelaufen ist, … dem er zur Erlernung des Sattlerhandwerks anvertraut wurde. Jedem, der den besagten Jungen zurückbringt, wird eine Belohnung von 1 Cent bezahlt. David Workman.“ (zitiert in Hutton, 3)

Der ausgelobte Cent blieb in Workmans Tasche. Niemand brachte Kit Carson zurück, und er wurde in den nächsten Jahren auch nicht mehr in Franklin gesehen.


Kit Carson und die Navajo

Der Navajo-Feldzug wurde für einige Historiker, die Kit Carsons historische Rolle kritisch bewerteten, zeitweise zum Dreh- und Angelpunkt und im Zuge der „Political Correctness“-Bewegung zum Ansatz für seinen Sturz vom Sockel des Nationalhelden.

Die damals getroffene Verurteilung hat bis heute Spuren hinterlassen, auch wenn sich die Sicht inzwischen abgemildert hat. Dass im kollektiven Gedächtnis der Navajo der Name „Carson“ keinen guten Klang hat, ist in gewissem Maße verständlich, aber auch die Navajo genießen in den historischen Überlieferungen ihrer unmittelbaren indianischen Nachbarn, ob es sich nun um die Hopi oder die Rio Grande Pueblos handelt, keine sonderliche Sympathie – hier gibt es regelrechte Feindseligkeiten, die noch heute deutlich spürbar sind.

Zur negativen Einschätzung Carsons durch spätere Chronisten trugen natürlich die unzähligen, sensationell aufgemachten Dime Novells bei, die im amerikanischen Osten den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts transportierten und Kit als „Indianerfresser“ darstellten – eine Präsentation, auf die er keinen Einfluss hatte, von der er häufig, da er diese Veröffentlichungen gar nicht lesen konnte, nicht einmal etwas wußte. Sie waren zudem eine grobe Verzerrung der tatsächlichen Lebensumstände Carsons, basierend auf der Fantasie von Autoren, die ihn in der Regel gar nicht kannten und nie selbst im Westen gewesen waren.

Eine sachliche Darstellung der Ereignisse, die mit der Vertreibung der Navajo verbunden sind, ist noch immer nicht unproblematisch. Die Präsentationslage hat sich seit Carsons Zeit ins Gegenteil verkehrt. Wurden im 19. Jahrhundert und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts „Indianerkämpfer“ und Pioniere kritiklos als Helden gefeiert und Indianer als „barbarische Wilde“ verunglimpft, genießen die Indianervölker heute aufgrund ihrer tragischen Geschichte grundsätzlich in ganz Amerika einen Sympathie-Bonus, der manche historischen Fakten in den Hintergrund treten läßt.

Kulturzerstörung, Unterdrückung und jahrzehntelanges soziales Elend haben eine differenzierte Betrachtung vieler geschichtlicher Ereignisse verhindert – ein durchaus verständlicher Vorgang.

Geschichte ist aber nicht das, was die handelnden Personen oder folgende Generationen je nach Stimmungslage in ihr sehen wollen, sondern sie muß dargestellt und analysiert werden – wie es der deutsche Historiker Von Ranke schlicht und einfach formulierte – „wie sie wirklich gewesen ist“.

Demzufolge hatte man es im 19. Jahrhundert mit einem kolonialen Geist zu tun, der weltweit zu einem Kulturkampf zwischen den europäischen Völkern und den Eingeborenen der verschiedenen Kontinente führte. Das Abendland eroberte Amerika, Afrika, Asien und sah sich als die überlegene Zivilisation an, berechtigt, die Welt in Besitz zu nehmen und andere Völker zu unterwerfen. Eingeborene Völker wurden entweder als Hindernis auf diesem Weg der Okkupation gesehen, oder sollten im besten Fall umerzogen werden. General Carleton war in dieser Beziehung das Musterbeispiel eines Eroberers und Kolonisators im 19. Jahrhundert.

Kit Carson zeigte allenfalls Ansätze einer solchen Denkungsart, aber er war in keiner Weise davon durchdrungen. Seine Haltung war meilenweit von Carletons Sicht entfernt; denn er hatte unter Indianern gelebt, hatte zweimal indianische Frauen geheiratet. Er war in der multikulturellen Gesellschaft der Mountain Men groß geworden, die der indianischen Lebensweise viel näher war als der der Weißen.

„Wie seine Kameraden, übernahm er vollständig die Methoden der indianischen Kriegsführung, weil das die Voraussetzung des Überlebens in der Wildnis war. ‚Denken wie ein Indianer’ wurde zu einem bedeutenden Grad Kits zweite Natur, ein Charakterzug, der ihm in seinen Rollen als Indianeragent, Soldat und Vertragsunterhändler zugute kam.“ (Simmons, 19)

Fraglos befand sich Kit Carson zeitweilig in einer Art „Befehlsnotstand“ – so wird er von gut meinenden neueren Historikern häufig für sein Vorgehen entschuldigt. Er führte den Navajo-Feldzug widerwillig durch, nachdem mehrere Abschiedsgesuche abgelehnt worden waren und seine Befehle ihm keinen Spielraum mehr ließen.

Aber auch diese Interpretation der Dinge wird der Geschichte nicht gerecht und stellt eine Art Verharmlosung dar, die Carsons Persönlichkeit ebenso verzerrt wie die vorherige einseitige Verdammung. Dabei bedarf es für seine geschichtliche Rolle ebenso wenig einer Entschuldigung wie einer Verleugnung. Carson befand sich weder im Stadium der Unschuld, noch war er ein hilfloses Instrument seines Vorgesetzten. Natürlich stand er unter Druck, aber auch das ist eine einseitige Sicht. Spätere Chronisten konzentrierten sich meist nur auf Carson als den „Sieger“ und die Navajo als die „Verlierer“ – also auf das Resultat der Ereignisse. Der Ansatz zu einem umfassenden Verstehen liegt aber tiefer, nämlich vor dem Beginn des Feldzugs.

Die Navajo waren keineswegs das friedliche, in Armut lebende Hirtenvolk, als dass sie 10 Jahre nach den Ereignissen erschienen und als das sie noch heutigen Besuchern begegnen ...

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